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digi mondo 09/2019

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„Die Schnellen fressen die Langsamen“ – Wer macht das Rennen im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr?

Banken müssen ihre Produkte und den Zugang dazu schneller machen. Die Verfügbarkeit von Liquidität für die Kunden rückt immer mehr in den Vordergrund. Wenn etablierte Finanzdienstleister nicht adäquat auf Anforderungen ihrer Kunden reagieren, tun es andere: PayPal, Transferwise und Giroxx sind nur einige Beispiele für erfolgreiche Innovatoren in lukrativen Geschäftsbereichen. Wir blicken auf die Situation im grenzübersschreitenden Zahlungsverkehr. Liegt die Zukunft in der Blockchain?

Sowohl Gesetzgeber als auch Konsumenten und Unternehmen erwarten, dass Informationen zu Preisen, Laufzeiten und Status von Transaktionen bereits vor Abschluss zur Verfügung stehen. So hat die EU im Februar 2019 neue Regeln zur Transparenz von Entgelten für grenzüberschreitende Zahlungen außerhalb des Euro-Raums in Fremdwährungen beschlossen. Die Verarbeitungsgeschwindigkeit von inländischen und innereuropäischen Transaktionen wird sich sukzessive signifikant erhöhen, da Echtzeitüberweisungen im SEPA-Raum durch SCT-Inst (SEPA Instant Credit Transfer) innerhalb von 10 Sekunden verarbeitet werden. Diese sollen zukünftig 24/7 auch an Sonn- und Feiertagen zur Verfügung stehen, eine Revolution für das Liquiditätsmanagement von Unternehmen. Allerdings gilt auch: Trotz der Erhöhung von Geschwindigkeit und Transparenz bleibt das System durch die beteiligten Intermediäre zum Übertrag der Werte komplex. Neue vielversprechende Technologien wie die Distributed-Ledger-Technologie (DLT – „Verteiltes Hauptbuch“ bzw. dezentrales Datenregister) bringen Innovation und Wettbewerb in den grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr.

Status Quo: Der Übertrag von (Geld-) Werten im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr im SWIFTnet

Platzhirsch im Internationalen Zahlungsverkehr ist seit rund fünf Jahrzehnten das SWIFTnet, hinter dem die genossenschaftliche Organisation SWIFT steht. Sie wurde im Jahre 1973 auf Initiative von 239 internationalen Banken aus 15 Ländern gegründet, steht unter Aufsicht der Zentralbanken der G-10-Länder und etablierte einen Nachrichtenstandard in der grenzüberschreitenden Kommunikation. Das Settlement der Zahlung wird parallel über ein Korrespondenzbankennetzwerk abgewickelt. Ein großer Nachteil ist bislang die Asynchronität dieser beiden Vorgänge. Die wichtigste Anforderung ist der schnelle Fluss von Werten, unabhängig von Ort und Zeit. Um weitere relevante Anforderungen wie Sicherheit, Vertrauen und regulatorische Erfordernisse im bestehenden System SWIFTnet zu gewährleisten sind ressourcen- und zeitintensive Prozesse notwendig. Die Transaktionskosten und Wechselkursrisiken fallen zum Nachteil der Zahlungsempfänger und -absender an. Die unzureichende Geschwindigkeit bindet Liquidität und aufwendige Back-Office-Prozesse verursachen vermeidbare Kosten. Die Vorteile des SWIFTnet sind klar, das etablierte System ist an mehr als 10.000 Banken in über 200 Ländern angeschlossen. Das SWIFT-Gateway vereinfacht die Anbindung und regulatorische Anforderungen lassen sich systemweit ausrollen. Außerdem verbleiben die relevanten Buchungsinformationen ausschließlich in Teilnehmerhand. Lange Zeit existierte keine Alternative zu SWIFT im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr.

SWIFT GPI

Mit der SWIFT global payments innovation (SWIFT gpi) versucht SWIFT durch Verbesserungen der bestehenden Technologie und den Einsatz innovativer Technologien das eigene System weiterzuentwickeln und unter anderem die Asynchronität zwischen Nachrichtenaustausch und Settlement in eine Synchronität zu überführen. Die Initiative wurde im Februar 2017 im ersten Schritt ausgerollt, um Geschwindigkeit und Transparenz zu erhöhen und somit die Transaktionskosten zu senken. Bis 2020 soll SWIFT gpi Standard im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr via SWIFT sein. Zahlungen sollen garantiert innerhalb eines Arbeitstages abgewickelt werden und mittels einer individuellen Tracking-Nummer entlang des Pfades nachverfolgt werden können. Die Entgelte und Wechselkurse sollen transparent dargestellt werden und bekannt sein. In einer zweiten Phase soll eine digitale Transformation folgen, die eine effiziente Automatisierung diverser Anforderungen, wie die Stornierung an jeder Stelle entlang des Transaktionspfades und Koordinierung regulatorischer Pflichten, ermöglichen. In einer dritten Phase sei der Einsatz innovativer Technologien, wie z.B. Blockchain, zu prüfen und gegebenenfalls umzusetzen. Im Rahmen eines Proof-of-Concept wurde der Einsatz der Blockchain-Technologie in Form der Hyperledger Fabric v 1.0 bereits untersucht.

Der SWIFT-Herausforderer: RippleNet

Das auf einem Open-Source-Protokoll basierende Zahlungsnetzwerk RippleNet des amerikanischen Technologie-Unternehmens Ripple Labs Inc. (Ripple) stellt ein Set von Produkten und Diensten zur Verfügung, dass das bestehende SWIFT-System herausfordert. Das RippleNet ist dabei nicht zu verwechseln mit der digitalen Kryptowährung XRP. Trotz der simultan verwendeten Bezeichnung Ripple handelt es sich bei XRP um ein vom Unternehmen Ripple Labs Inc. unabhängiges Open-Source-Projekt, das auf dem XRP-Ledger basiert. Die zur Auswahl stehenden Dienste können teilweise auch ohne Einsatz von XRP-Tokens genutzt werden. Das Ökosystem setzt sich zusammen aus den Services xCurrent, xRapid und xVia.

  • xCurrent ist ein Datenbank- und Kommunikationssystem, das den Währungstausch verschiedener Währungen, z. B. Dollar und Euro, aber auch Kryptowährungen ermöglicht. Unabhängig vom Standort können somit grenzüberschreitende Transaktionen abgewickelt werden. Es basiert auf einer privaten Distributed-Ledger-Technologie, dem Interledger-Protokoll (ILP). Das ILP ist eine dezentral administrierte Datenbank („Ledger“) und steuert die Lese-, Schreib- und Zugangsrechte der Teilnehmer („inter“). Die aktuelle Version der Datenbank mit allen verifizierten Transaktionen und Informationen wird in Echtzeit an alle Berechtigten verteilt („distributed“).
  • xRapid ist eine technische Lösung zum Transfer von Werten mit dem Einsatz von XRP-Tokens. Werte werden in XRP ein- und zurückgetauscht. Zur Begleichung von Transaktionsentgelten werden Anteile des XRP-Tokens genutzt. Banken können xRapid nutzen, um durch den Einsatz von XRP-Tokens in Echtzeit Liquidität zu beschaffen, ohne Guthaben auf Nostro-Konten zu laden. Somit kann xRapid Währungstausche im xCurrent-System beschleunigen und ermöglicht grenzüberschreitende Transaktionen in Echtzeit.
  • xVia hingegen stellt eine Benutzeroberfläche und technische Schnittstelle zwischen xCurrent, xRapid und bestehenden dritten Systemen zur Verfügung.

Ripple kooperiert mit Banken, Zentralbanken und Payment Providern, um den internationalen Zahlungsverkehr durch den Einsatz DLT-basierter Technologien weiterzuentwickeln. Es besteht das Potenzial, nicht nur die Geschwindigkeit zu erhöhen, sondern auch die Transaktionskosten zu senken.

Hat SWIFT ausgedient?

Neue und vermeintlich bahnbrechende Technologien müssen zunächst von potenziellen Nutzern in Gänze verstanden werden. Die Komplexität von DLTs macht dies Marktteilnehmern nicht leicht. Dies ist insbesondere auch der Unkenntnis der Technik und der Nicht-Differenzierung zwischen DLT, Blockchain, und den mittlerweile mehr als 200 DLT-Protokollen und Kryptowährungen geschuldet. Diese Komplexität ist nicht nur auf die Finanzbranche beschränkt. Kontrolle und Aufsicht, Gesetzgebungen und internationale Standardisierung, Durchsetzung von Sanktionen und Anwendung von geldwäscherechtlichen Maßnahmen, sowie die Beachtung außenwirtschaftlicher Vorgaben müssen berücksichtigt werden. Die Teilnehmer müssen auf die Funktionalität und Verfügbarkeit vertrauen können. Der Vertrauensbeweis des RippleNet steht noch aus. Die Anzahl der Teilnehmer nimmt zwar zu, ist jedoch im Vergleich zum SWIFTnet noch gering und beschränkt sich in den meisten Fällen noch auf ein „Ausprobieren“ der neuen Technologie.

Darüber hinaus liegt auf der Hand, dass die Akteure des internationalen Finanzsystems nur an einem Technologie-Wechsel interessiert sind, wenn der Nutzen die Nachteile überwiegt. Insbesondere die Standardisierung des bestehenden SWIFT-Systems ist ein erheblicher Wettbewerbsvorteil. Alle relevanten globalen Akteure sind bereits Teilnehmer und können dank fester Standards und bekannter Prozesse auf die Funktionsweise und Verfügbarkeit vertrauen. SWIFT selbst greift die von Ripple adressierten Nachteile auf und versucht die eigenen Dienste durch Weiterentwicklung im Rahmen der Initiative SWIFT gpi wettbewerbsfähig zu halten. Durch die gute Vernetzung von SWIFT im internationalen Finanzsektor gelingt es, durch Kooperationen mit Zentralbanken und Teilnehmerbanken den eigenen Dienst auszubauen und zu optimieren und somit den Raubbau durch Wettbewerber zu drosseln. Nach eigenen Angaben von SWIFT werden bereits 40% der SWIFT gpi Zahlungen in weniger als 5 Minuten abgewickelt.

Fazit: „Geschwindigkeit aufnehmen, um nicht abgehängt zu werden.“

Banken und Finanzdienstleister müssen sich aktiv den Anforderungen der Konsumenten und Unternehmen stellen, da diese andernfalls auf Angebote innovativer Dienstleister ausweichen, die schneller und transparenter sind oder eine überlegene Kundenschnittstelle anbieten, die aus Kundensicht einen Mehrwert erzeugt. Um mit den Innovatoren Schritt halten zu können, müssen zukunftsorientierte Lösungen jetzt auf den Weg gebracht werden. Hohe Geschwindigkeit und Transparenz erfordern neben vorausschauendem Denken und Handeln auch neue, digitale Produkte wie Instant-Kredite für KMUs und weitreichende Multi-Kanal-Lösungen, sowie modular zu individualisierende Produktpaletten, um Kunden ein Finanzökosystem zu bieten, dass Ihnen im Tagesgeschäft echten Mehrwert bietet. Dies ist Grundlage für die Bindung von Bestandskunden und bietet Potenzial für das Neugeschäft!

Ziel beider betrachteter Anbieter ist es letztlich, die Ineffizienzen des gegenwärtigen Systems zu beseitigen und auf die gestiegenen Anforderungen der globalisierten Wirtschaft und eng getakteter Prozesse entlang der Financial Supply Chain zu reagieren. Die Dynamik in der Weiterentwicklung des grenzüberschreitenden Zahlungsverkehrs wird weiter zunehmen und die bestehenden Akteure unter Druck setzen, innovativ zu bleiben. In Zeiten ständiger Warenverfügbarkeit sollten nicht nur die Bestell-, Liefer- und Rechnungsprozesse optimiert werden, sondern insbesondere die Bezahlung schnell, transparent und kostengünstig abgewickelt werden. Im Rahmen der Liquiditätsoptimierung sollten Rechnungen schnell und zuverlässig beglichen werden, die Prozess- und Transaktionskosten transparent und die Abwicklungsgeschwindigkeit bekannt sein.

Bonpago unterstützt fachkundig bei der Entwicklung von Lösungskonzepten entlang der Finanzlieferkette anhand individueller Anforderungsanalysen sowie der Einbettung der Lösung in die bestehende Systemlandschaft. Hierbei schaffen wir unter anderem durch Inside-Out und Outside-In Betrachtungen ein umfassendes Bild, beispielsweise von Anforderungen seitens KMUs für die Abwicklung von grenzüberschreitendem Zahlungsverkehr.

Exkurs

Disruptive Technologien: Distributed Ledger und Blockchain

Die Distributed-Ledger-Technologie ist eine Technologie mit disruptivem Potenzial zur Abwicklung von Transaktionen inklusive der Verbreitung und Dokumentation zugehöriger Informationen.

DLT basieren auf dem Grundsatz einer dezentralen Verteilung des Datenregisters, in dem Transaktionen abgewickelt und Informationen gespeichert werden. Im Gegensatz zu einer Struktur mit einem zentralen Register ist kein Intermediär notwendig, der die Führung und Abstimmung des Datenregisters übernimmt. Alle Teilnehmer des dezentralen Netzwerkes verfügen über eine stets aktuelle und legitime Kopie des Registers. Es existieren verschiedene Varianten von DLT, die auf individuellen Protokollen basieren. Die Führung und Abstimmung des dezentralen Datenregisters geschieht auf Basis dieser Protokolle, die unterschiedliche Regeln und somit technische Abläufe vorgeben.

Eine Variante dezentraler Datenregister ist die Blockchain („[unendlich lange] Kette von Blöcken [mit Informationen]“). Blockchain ist also eine DLT, aber eine DLT ist nicht zwangsweise eine Blockchain. Weitere bekannte Datenregister beziehungsweise Protokolle sind Ethereum, Hyperledger Fabric und R3 Corda, die sich unter anderem in der Verifizierungsmethode von Transaktionen beziehungsweise Eintragungen im Register unterscheiden. DLT versprechen aufgrund ihrer inhärenten kryptografischen Verschlüsselung, ihrer öffentlichen Verfügbarkeit und der Verifizierungsmechanik der Teilnehmer eine Unveränderbarkeit der gespeicherten Daten. Zum Einsatz im geschäftlichen Umfeld bieten sich nicht-öffentliche DLTs, sogenannte Private-Blockchains, an. Lediglich die berechtigten Teilnehmer sollen die Informationen kennen und müssen sicher sein, dass sie diesen vertrauen können. Die Informationen sind nicht öffentlich verfügbar.

Der Einsatz von DLT ist insbesondere dann sinnvoll, wenn Informationen zu einer Transaktion entlang einer Prozesskette mit mehreren Akteuren geteilt werden müssen, wie das im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr der Fall ist. Jeder Akteur kann jederzeit über die neuesten Informationen verfügen, der Zugang kann beschränkt werden und eine Unveränderlichkeit der Daten ist genauso gegeben, wie eine Änderungshistorie. Intermediäre, wie Korrespondenzbanken könnten ausgeblendet werden und Nebenprozesse wie z. B Außenwirtschaftsmeldungen und andere Meldepflichten könnten automatisiert mit den entsprechenden Behörden geteilt werden. DLT bietet, im Gegensatz zum SWIFTnet nicht nur die Möglichkeit, Buchungsinformationen auszutauschen, sondern kann auch Werte transferieren.